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Philharmonisches Kammerorchester Berlin

Michael Zukernik
 
 

International Masterclasses for Orchestral Conducting

Noten

„Nie den Klang aus
der Hand lassen"

Dirigierkurs mit Otto Werner Mueller

 

Auch jenseits der Händel-Festspiele treffen sich in Göttingen Musiker von Weltrang. Eine Woche lang hielt der deutschamerikanische Stardirigent Otto Werner Mueller gemeinsam mit dem Göttinger Symphonie Orchester einen internationalen Meisterkurs für Nachwuchsdirigenten ab.

Mit welcher Eleganz das Göttinger Symphonie
Orchester im Walzertakt zu schwelgen vermag, war erst kürzlich im Promenadenkonzert unter der Leitung von Christian Simonis zu hören. Davon war jedoch jetzt bei den Proben der „Fledermaus"-Ouverture von Johann Strauß kaum mehr etwas zu spüren.
„ Liegt das an mir?" Der junge Nachwuchsdirigent blickt hilfesuchend vorn Podest herab. „Alle waren zu schnell. Das liegt nur an dem, der da vorne steht." Otto Werner Mueller

 

weiß, wovon er spricht. Seit mehr als einem halben Jahrhundert steht der 1926 in Deutschland geborene Wahlamerikaner am Pult der bedeutendsten Orchester. In den USA und Kanada genießt er den Ruf eines „Maestro der Maestri", er gilt als einer der größten zeitgenössischen Dirigierpädagogen weltweit.

Ungebrochene Vitalität
Zahlreiche Institute für Orchesterleitung gehen auf seine Initiative zurück. Von Yale bis Moskau, von Los Angeles bis Montreal reicht sein Ruhm als Dirigentenerzieher. Zuletzt zog sich der bald Achtzigjährige von seinem Amt als Direktor für Orchesterstudien an der elitären New Yorker, "Juillard School" zurück. Derzeit lehrt er am „Curtis Institut for Music" in Philadelphia. Nun kam er nun auf Einladung des Leiters des Philharmonischen

Harte Arbeit, bis die "Fledermaus" schwebt: Michael Zukernik übt sich im Dirigieren. Hinzmann

Kammerorchesters Berlin, Michael Zukernik, seit 1951 zum ersten Mal wieder nach Deutschland.
Mit ungebrochener Vitalität und dem autoritären Charisma einer lebenden Legende beobachtet er jeden einzelnen der

neun Kursteilnehmer, von denen einige selbst bereits auf beachtliche Erfolge in ihrer noch kurzen Dirigentenlaufbahn zurückblicken können. Dennoch setzen sie sich respektvoll der unmissverständlichen Kritik und dem hohen Anspruch Muellers aus. „Ein Orchester ist immer das Spiegelbild seines Dirigenten. Gelingen oder Nichtgelingen liegt in seiner Hand."
Bezwingende Gestik
Mueller demonstriert, was er darunter versteht, „nie den

Klang aus der Hand zu lassen." Nach der zehnten Wiederholung der ersten Takte der ersten Symphonie von Johannes Brahms steigt er selbst auf das Podest. An die Stelle jugendlich schwungvoller Bewegungen tritt die bezwingende Gestik seiner rechten Hand.
Mueller lässt das Orchester nicht aus den Augen, ringt den Musikern auch nach mehrstündiger ermüdender Probenarbeit höchste Konzentration ab. Innerhalb weniger Sekunden entfaltet sich ein vollkommen klar strukturierter Gesamtklang von wunderbarer Größe und dynamischer Kraft. Das Göttinger Symphonie Orchester zeigt sich von seiner strahlendsten Seite, und Mueller ist hoch zufrieden. „Das hier sind nicht nur gute Musiker, sondern zudem überaus liebe Menschen." Er werde die "Tage in Göttingen in bester Erinnerung behalten.

dMeisterkurse für den leitenden Nachwuchs

Musikalischer Enthusiasmus", meint Otto Werner Mueller kurz und bündig, sei die Grundvoraussetzung für erfolgreiches Dirigieren. Hinzu komme der Anspruch an ein hohes intellektuelles



Mit Charisma: Otto Werner Mueller. Hinzmann

Reflexionsvermögen. Dieses erlaube es erst, dem ideellen Gehalt eines Werkes nicht nur emotional nachzuspüren, sondern die zentralen Aussagen auch geistig klar zu erfassen. Dabei sei stets genau zwischen Interpretation und werkverändernder Neugestaltung zu unterscheiden. Dies, so Mueller, Sei die eine Seite, persönliches Charisma und technische Perfektion die andere. Beides sei unverzichtbar, um die eigenen Vorstellungen schließlich auch dem Orchester erfolgreich zu vermitteln.
Um sich in solcher technischer Feinarbeit zu schulen, war auch Sund Jux Park, Meisterkandidat des Kurses, nach Göttingen gekommen. Zum großen Erfolg des Kurses, betonte er, habe neben Müllers beeindruckender Persönlich-
keit auch das Göttinger Symphonie Orchester beigetragen, das sich selbst während endloser Wiederholungen stets durch Freundlichkeit und hohe Musikalität auszeichnete. Parks großes Ideal ist Wilhelm Furtwängler. Er habe eine großartige Ausstrahlung mit absoluter technischer Perfektion vereinen können. Doch gerade daran scheint es dem Dirigentennachwuchs an deutschen Musikhochschulen zu fehlen.
Im stillen Kämmerlein
„ Die meisten Absolventen hierzulande hatten während ihrer Ausbildung kaum mehr als zehn Mal die Gelegenheit, vor einem Orchester zu stehen. Anders als beispielsweise in Skandinavien und den USA, wo spezielle Übungsorchester
ideale Trainingsbedingungen für Nachwuchsdirigenten schaffen, findet ihre Ausbildung hier zumeist im stillen Kämmerlein am Klavier statt", erläutert Michael Zukernik. Seit drei Jahren sorgt er nun für Abhilfe. Als Leiter des Philharmonischen Kammerorchesters Berlin lädt er Dirigentenerzieher aus aller Welt nach Deutschland ein, um ,'Meisterkurse für den leitenden Nachwuchs abzuhalten.
Nach dem Finnen Jorma Paula, dem Briten Colin Metters und anderen war es nun gelungen, den gebürtigen Bensheimer Otto Werner
• Mueller nach über 50 Jahren erstmals wieder aus den USA nach Deutschland zu holen. Ein großes musikalisches Ereignis für alle, die dabei sein.
Ursula Kloyer-Heß

 

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