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Sie haben schon ein halbes Jahrhundert
lang Dirigenten ausgebildet. Haben sich Ihre Lehrmethoden
zwischenzeitlich verändert?
„Ich
hatte ursprünglich überhaupt keine Methode. Jeder
Schüler ist ein Individuum. Man verfolgt eine Weile,
in welche Richtung er sich entwickelt. Ich möchte nicht,
daß man den Schülern nachträglich die Art
der Ausbildung anhört: Der da stammt eindeutig aus der
Panula-Schule. Nein, jeder soll nach eigenem Gusto Musik machen,
die Technik ist dabei nur ein Hilfsmittel. Ein Dirigent muß
in jeder Situation souverän über seine Mittel verfügen
können. Wenn eines versagt, muß ein anderes her.
Jeder hat seine eignen Mittel und Wege, er muß sie nur
erst finden. Man muß erst ins Wasser springen, um schwimmen
zu lernen. Ich werfe erst dann den Rettungsring, wenn der
Anfänger unterzugehen droht”, lacht Panula.
Geradezu
als eine Sensation schlug der Panula-Zögling Sakari Orama
ein, den die Philharmonie von Birmingham als Nachfolger von
Sir Simon Rattle erkor. „Das wundert mich überhaupt
nicht. Sakari ist ein großartiger Musiker, das ist mir
schon als Kapellmeister des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters aufgefallen.
Er ist ein offener, ehrlicher und einnehmender Mensch. Allem
zugrunde liegt natürlich sein profundes Können.
Sakari Oramos Höflichkeit ist außerdem echt. Das
spürt man, denn gut erzogene Heuchler gibt es zuhauf.
Kapellmeister können sich nicht mehr aufführen wie
seinerzeit Fabrikherren.
Von
diesem Typ sind immer noch haarsträubende Geschichten
im Umlauf. So pflegte der grummelnde und fluchende Paul Kletski
seine Musiker halb zu Tode zu erschrecken: 'Verdammt noch
mal! Wenn du weiterhin falsch spielst, rufe ich deine Witwe
an!'
Das
ist heute nicht mehr drin. Zu dem Orchester muß man
eine sympathische, aber zielstrebige Beziehung herstellen.
Doch Speichelleckerei kommt bei mir nicht an, auch wenn das
einzelne immer wieder versuchen. Ergebnisse werden im Teamwork
erarbeitet, wobei jedoch kein Zweifel aufkommt, wer letztlich
den Takt bestimmt. Oramo verfügt über die nötige
natürliche, wesenseigene Autorität.”
Orchester
wählen ihre Dirigenten oft für lange Vertragsspannen
aus. Wie verhält es sich mit der Behauptung, daß
ein Kapellmeister seinem Orchester ein charakteristisches
Kolorit mitgibt?
„Da
ist noch immer etwas dran. Doch unter Leitung eines Gastdirigenten
spielt ein Orchester - schlecht oder recht - immer anders.
Spitzenorchester haben ein eindeutig spezifisches Kolorit.
Das ist zum Beispiel für das Cleveland-Orchester zum
Markenzeichen geworden. Die Berliner Philharmoniker spielen
Jahrzehnt um Jahrzehnt auf die gleiche Weise.
Daran
hat niemand etwas zu ändern vermocht. Der Karajan- Sound
bricht sich noch immer Bahn wie ein Panzer. Erst Claudio Abbado
ist es gelungen, das großartige Orchester etwas in seinem
Sinne zu beeinflussen.” „Statt nur die Charakteristika
eines Orchesters zu erforschen, sollte man auf die Stimme
des Komponisten hören. Esa-Pekka
Salonen erzählte mir, daß er einmal - und danach
nie wieder - versucht hat, den Berlinern mit Nielsen zu kommen.
Daraus ist nichts geworden, das Orchester spielte unentwegt
Karajan. Inzwischen hat es sich langsam herumgesprochen, daß
die Musik wichtiger ist als das Orchester.”
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